
Entgegen der landläufigen Meinung ist der wahre Wert einer Luxusuhr nicht ihr materieller Glanz, sondern die unsichtbare Philosophie der Meisterschaft, die in ihr kodiert ist.
- Deutsche Uhrmacherkunst, insbesondere aus Glashütte, setzt auf mechanische Seele und Langlebigkeit statt auf reinen Materialwert.
- Die bewusste Entscheidung für einen Handaufzug oder die Perfektion unsichtbarer Veredelungen sind Ausdruck einer tiefen Wertschätzung für das Handwerk.
Empfehlung: Achten Sie beim nächsten Mal nicht nur auf das Äußere, sondern fragen Sie nach der Herkunft des Uhrwerks und der Philosophie hinter seiner Fertigung, um eine echte Manufaktur-Uhr zu erkennen.
Man verweilt vor dem Schaufenster eines Juweliers, das Auge gefangen vom Glanz des Goldes, dem Funkeln der Diamanten. Die landläufige Meinung diktiert, dass hier der Wert einer Luxusuhr liegt – in ihrer materiellen Opulenz, in ihrem Status als sichtbares Zeichen des Wohlstands. Wir sind konditioniert, Luxus an Karat und Gewicht zu messen. Doch diese Sichtweise, so verbreitet sie auch sein mag, verfehlt den Kern, die eigentliche Seele der feinen Uhrmacherkunst. Sie übersieht die stille, fast meditative Arbeit, die sich im Verborgenen abspielt und die den wahren, unvergänglichen Wert eines solchen Zeitmessers ausmacht.
Was wäre, wenn der wahre Luxus nicht das ist, was man sieht, sondern das, was man fühlt? Wenn die Essenz nicht im Gehäuse, sondern im Herzen der Uhr liegt – dem mechanischen Kaliber? Die wahre Meisterschaft offenbart sich in der Philosophie der Präzision, in der Ehrfurcht vor der Tradition und in den unzähligen Stunden, die ein Uhrmachermeister in die Perfektionierung von Bauteilen investiert, die das Tageslicht vielleicht nie erblicken werden. Es ist ein stiller Dialog zwischen Mensch und Mechanik, eine Hingabe, die weit über das Streben nach äußerlichem Glanz hinausgeht. Dieser Gedanke ist der Kern der deutschen Uhrmachertradition, insbesondere jener aus den heiligen Hallen von Glashütte.
Dieser Artikel nimmt Sie mit auf eine Reise hinter das Zifferblatt. Wir werden das Ritual des Handaufzugs als eine Form der Achtsamkeit entdecken, die geheime Schönheit von Veredelungen entschlüsseln, die nur für den Uhrmacher selbst sichtbar sind, und verstehen, warum die letzte Instanz bei der Erschaffung eines Meisterwerks immer die menschliche Hand sein wird. Es ist eine Erkundung der mechanischen Seele und eine Hommage an die Handwerkskunst, die die Zeit nicht nur misst, sondern ihr eine tiefere Bedeutung verleiht.
Um die vielschichtigen Aspekte dieser Handwerkskunst zu beleuchten, gliedert sich unsere Reise in verschiedene Etappen. Jede davon enthüllt eine weitere Facette dessen, was eine Uhr zu einem wahren Meisterwerk der Feinmechanik macht.
Sommaire : Die Philosophie der Präzision: Was eine Luxusuhr wirklich ausmacht
- Automatik oder Handaufzug? Die Vor- und Nachteile der beiden mechanischen Antriebsarten
- Das Ritual des Aufziehens: Wie eine Handaufzugsuhr die Beziehung zur Zeit verändert
- Präzision am Handgelenk: Warum die Genauigkeit einer Luxusuhr mehr als nur die Zeit anzeigt
- Wasserdichtigkeit, Stoßfestigkeit, Magnetfeldschutz: Die Härtetests für eine Luxusuhr
- Genfer Streifen, Perlage, anglierte Kanten: Die geheime Schönheit im Inneren einer Uhr
- Das Finish eines Uhrwerks: Warum die Dekoration von Teilen, die niemand sieht, so wichtig ist
- Die letzte Instanz ist die Hand: Warum keine Maschine die Präzision eines Meisters ersetzen kann
- Einen Einblick in die heiligen Hallen der Uhrenmanufakturen bekommen und den Unterschied zwischen einer „Manufaktur“ und einem einfachen „Hersteller“ verstehen
Automatik oder Handaufzug? Die Vor- und Nachteile der beiden mechanischen Antriebsarten
Die Wahl zwischen einem Automatik- und einem Handaufzugswerk ist weit mehr als eine technische Entscheidung; sie ist eine philosophische. Während das Automatikwerk durch die Bewegung des Trägers am Leben erhalten wird und für modernen Komfort steht, erfordert der Handaufzug eine bewusste tägliche Interaktion. Er verkörpert die ursprünglichste Form der mechanischen Uhrmacherei, eine direkte Verbindung zwischen Mensch und Maschine. Entgegen dem Trend zur ständigen Automatisierung hat sich der Handaufzug eine treue Anhängerschaft bewahrt, die gerade diese Interaktion schätzt.
Der vermeintliche Nachteil des täglichen Aufziehens wird für den Kenner zum Vorteil. Es ist ein Moment des Innehaltens, eine bewusste Handlung in einer schnelllebigen Welt. Technisch gesehen ermöglichen Handaufzugswerke oft eine flachere Bauweise und einen unverbauten Blick auf das kunstvoll finissierte Werk durch einen Saphirglasboden, da kein Rotor die Sicht versperrt. Dass diese Nische wirtschaftlich äußerst erfolgreich sein kann, beweist die Tatsache, dass die renommierte deutsche Manufaktur A. Lange & Söhne, bekannt für ihre Handaufzugskaliber, 166 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2022 erzielte. Dies zeigt, dass die Wertschätzung für das ursprüngliche Handwerk ungebrochen ist.
Fallstudie: Manufakturkaliber L121.1 von A. Lange & Söhne
Ein herausragendes Beispiel für die Perfektion des Handaufzugs ist das Kaliber L121.1 von A. Lange & Söhne, das aus 368 Einzelteilen besteht. Es demonstriert deutsche Ingenieurskunst auf höchstem Niveau: Mit einer großen Exzenter-Unruh und einer freischwingenden Lange-Unruhspirale erreicht es bei 21.600 Halbschwingungen pro Stunde eine außergewöhnliche Präzision. Das Doppelfederhaus sorgt für eine beeindruckende Gangautonomie von 72 Stunden. Dieses Kaliber ist nicht nur ein technisches Meisterwerk, sondern die Verkörperung der Philosophie der „bewussten Handlung“, die dem Handaufzug innewohnt.
Die Entscheidung für einen Antriebstyp ist somit keine Frage von „besser“ oder „schlechter“, sondern eine Frage der persönlichen Beziehung zur Zeit und zur Mechanik. Der Handaufzug ist nicht veraltet; er ist ein Statement für Purismus und die Wertschätzung des Details.
Das Ritual des Aufziehens: Wie eine Handaufzugsuhr die Beziehung zur Zeit verändert
In einer Welt, in der uns digitale Benachrichtigungen unentwegt aus der Konzentration reißen, bietet das morgendliche Aufziehen einer Handaufzugsuhr einen seltenen Moment der Ruhe und Fokussierung. Es ist mehr als nur eine technische Notwendigkeit; es ist ein Zeit-Ritual, ein Akt der Achtsamkeit. Bevor der Blick auf das Smartphone fällt und der digitale Alltag beginnt, schafft diese Handlung eine bewusste Verbindung zum analogen, mechanischen Fluss der Zeit. Man spürt den sanften Widerstand der Zugfeder, hört das leise Klicken der Sperrklinke und sieht, wie der Sekundenzeiger sein gleichmäßiges Ballett beginnt. Es ist ein Moment, der uns erdet und uns daran erinnert, dass Zeit nicht nur eine Zahl auf einem Bildschirm ist, sondern eine physische, fast lebendige Kraft.
Dieses Ritual transformiert die Uhr von einem passiven Zeitmesser zu einem aktiven Begleiter. Sie ist kein seelenloses Gadget, das nur funktioniert, sondern ein feines mechanisches Instrument, das der Pflege und Aufmerksamkeit bedarf. Diese tägliche Interaktion schafft eine persönliche, fast intime Beziehung zum Objekt. Man entwickelt ein Gefühl für die „Persönlichkeit“ seiner Uhr – wie viele Umdrehungen sie benötigt, wie sich die Krone anfühlt, wie lange ihre „Seele“, die gespannte Feder, sie antreibt. Diese Beziehung ist der wahre Luxus, den kein Smart Device je bieten kann.
Der folgende Plan kann dabei helfen, dieses Ritual als eine Form des „Digital Detox“ in den Alltag zu integrieren und den Tag mit Fokus und Gelassenheit zu beginnen.
Ihr Plan für das morgendliche Aufzieh-Ritual
- Nehmen Sie sich bewusst 30 Sekunden Zeit, noch vor dem ersten Griff zum Smartphone.
- Ziehen Sie die Krone sanft heraus und spüren Sie den wachsenden Widerstand der Zugfeder, während Sie sie langsam drehen.
- Drehen Sie die Krone langsam und gleichmäßig im Uhrzeigersinn – typischerweise sind etwa 30 bis 40 Umdrehungen für einen vollen Aufzug nötig.
- Beobachten Sie dabei das Sekundenrad oder den Sekundenzeiger, wie er durch Ihre Energie zum Leben erwacht.
- Nutzen Sie diesen kurzen Moment der mechanischen Meditation, um Ihre Gedanken für den Tag zu sammeln und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Diese wenigen Sekunden am Morgen können die gesamte Wahrnehmung des Tages verändern. Sie ersetzen passive Konsumtion durch aktive Gestaltung und schaffen eine wertvolle Zäsur zwischen der Ruhe der Nacht und der Hektik des Tages.
Präzision am Handgelenk: Warum die Genauigkeit einer Luxusuhr mehr als nur die Zeit anzeigt
Während eine Quarzuhr unbestreitbar genauer ist, liegt die Faszination der mechanischen Präzision nicht im absoluten Wert, sondern in der schieren menschlichen und technischen Leistung, die dahintersteckt. Die Genauigkeit einer Luxusuhr ist der hör- und sichtbare Beweis für die Perfektion ihres inneren Aufbaus. Wenn Hunderte von winzigen, perfekt aufeinander abgestimmten Teilen harmonisch zusammenarbeiten, um die Zeit mit einer Abweichung von nur wenigen Sekunden pro Tag zu messen, ist das ein Triumph der Mikromechanik und Ingenieurskunst. Diese Präzision ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von meisterhafter Konstruktion, sorgfältiger Regulierung und der Verwendung hochwertigster Materialien.
In Deutschland wird diese Präzision durch strenge Normen zertifiziert. Während die bekannte Schweizer COSC-Prüfung nur das nackte Uhrwerk testet, geht die deutsche Prüfung in der Glashütter Sternwarte einen entscheidenden Schritt weiter: Hier wird die komplett montierte Uhr geprüft. Dies stellt sicher, dass die Genauigkeit nicht nur unter Laborbedingungen, sondern auch im realen Gehäuse gewährleistet ist. So fordert beispielsweise die deutsche Chronometerprüfung in Glashütte eine Ganggenauigkeit von -4 bis +6 Sekunden pro Tag. Das Erreichen dieses Standards ist ein Gütesiegel, das die überlegene Konstruktion und Montage der Uhr belegt.
Eine präzise gefertigte Uhr unterliegt geringerem Verschleiß – Präzision ist daher nicht nur eine Frage der Genauigkeit, sondern der Langlebigkeit und Wertanlage.
– Roland Schwertner, Uhrmachermeister und Sachverständiger für Uhren
Diese Aussage bringt es auf den Punkt: Eine hohe Ganggenauigkeit ist ein Indikator für geringere Reibung und Verschleiß im Inneren des Werks. Sie ist somit ein direktes Versprechen für die Langlebigkeit und Werthaltigkeit der Uhr. Eine präzise Uhr ist eine gesunde Uhr, die über Generationen hinweg Freude bereiten kann. Sie ist der ultimative Ausdruck des Respekts des Herstellers vor seinem Produkt und seinem Kunden.
Wasserdichtigkeit, Stoßfestigkeit, Magnetfeldschutz: Die Härtetests für eine Luxusuhr
Die Meisterschaft der Uhrmacherkunst zeigt sich nicht nur in filigraner Dekoration und mikromechanischer Präzision, sondern auch in robuster Ingenieursleistung. Eine Luxusuhr ist kein zerbrechliches Schmuckstück, sondern ein hochfunktionales Instrument, das für die Widrigkeiten des Alltags und darüber hinaus konzipiert ist. Die Fähigkeit, Wasser, Stößen und Magnetfeldern zu widerstehen, ist ein Beweis für eine überlegene Gehäusekonstruktion und innovative Materialwissenschaft – ein Bereich, in dem deutsche Hersteller besonders glänzen. Diese Robustheit ist kein Marketing-Gag, sondern wird durch strenge Industrienormen definiert und geprüft.
Die Wasserdichtigkeit beispielsweise wird in Deutschland durch die DIN 8310 geregelt. Eine Uhr, die diese Norm erfüllt, ist weit mehr als nur spritzwassergeschützt. Die Prüfung ist streng: So muss eine als wasserdicht deklarierte Uhr nach DIN 8310 mindestens 30 Minuten bei 1 Meter Wassertiefe und zusätzlich 90 Sekunden bei einem Druck von 20 Metern Wassersäule unbeschadet überstehen. Dies stellt sicher, dass die Uhr alltäglichen Kontakten mit Wasser, wie Händewaschen oder Regen, problemlos standhält. Für Taucheruhren gelten mit der DIN 8306 nochmals deutlich schärfere Anforderungen.

Neben der Wasserdichtigkeit sind Stoßsicherheit und Magnetfeldschutz entscheidend für die Langlebigkeit eines mechanischen Uhrwerks. Moderne Unruhsysteme wie das Incabloc-System schützen die empfindliche Unruhwelle vor den Auswirkungen von Stößen. Zunehmend kommen auch amagnetische Materialien wie Silizium für die Spiralfeder zum Einsatz, um die Ganggenauigkeit vor den allgegenwärtigen Magnetfeldern von Smartphones, Laptops und Lautsprechern zu schützen. Die Kombination dieser Schutzmechanismen macht eine moderne Luxusuhr zu einem verlässlichen Begleiter für jede Lebenslage.
Fallstudie: Sinn Spezialuhren – TEGIMENT und Ar-Trockenhaltetechnik
Die Frankfurter Manufaktur Sinn Spezialuhren treibt die Robustheit auf die Spitze und demonstriert eindrucksvoll deutsche Innovationskraft. Das Modell U50 ist aus original deutschem U-Boot-Stahl gefertigt. Die von Sinn entwickelte TEGIMENT-Oberflächenhärtung macht den Drehring nahezu kratzfest, während die Ar-Trockenhaltetechnik durch eine spezielle Gasfüllung und Trockenkapseln das Beschlagen des Glases verhindert und die Funktionssicherheit von -45°C bis +80°C garantiert. Mit einer zertifizierten Wasserdichtigkeit von 500 bar (entspricht 5.000 Metern) setzt diese Uhr Maßstäbe in Sachen Belastbarkeit.
Genfer Streifen, Perlage, anglierte Kanten: Die geheime Schönheit im Inneren einer Uhr
Nachdem wir die äußere Robustheit betrachtet haben, kehren wir zurück ins Herz der Uhr, zu einer Form der Schönheit, die oft nur der Uhrmacher selbst zu Gesicht bekommt. Die Finissierung, also die Dekoration und Veredelung der Uhrwerksteile, ist ein fundamentales Merkmal der Haute Horlogerie. Techniken wie der Genfer Streifenschliff, die Perlage (ein Muster aus kleinen, überlappenden Kreisen) oder die Anglierung (das Polieren von Kanten zu einem spiegelnden Glanz) haben zwar oft einen funktionalen Ursprung – sie dienen der Entfernung von Bearbeitungsspuren oder dem Auffangen von Schmutzpartikeln –, doch ihre heutige Ausführung ist pure Kunst. Sie ist ein Ausdruck von Respekt vor dem Handwerk und ein Zeichen kompromissloser Qualität.

Die deutsche Uhrmacherei, insbesondere die aus Glashütte, hat hier ihre ganz eigene ästhetische Sprache entwickelt. Ein markantes Beispiel ist die Dreiviertelplatine, ein Konstruktionsmerkmal, das im Gegensatz zur Schweizer Bauweise mit vielen kleinen Brücken für eine höhere Stabilität des Räderwerks sorgt. Diese Platine bietet eine große Leinwand für eine besondere Art der Dekoration.
Der Glashütter Streifenschliff unterscheidet sich vom Genfer Streifen durch seine gebogene Form – er folgt der natürlichen Geometrie der Dreiviertelplatine, einem typisch deutschen Konstruktionsmerkmal.
– Christine Hutter, Dozentin an der Uhrmacherschule Glashütte
Diese subtile, aber entscheidende Abweichung zeigt das Selbstbewusstsein und die Eigenständigkeit der deutschen Uhrmacherkunst. Andere typische Glashütter Merkmale sind der Sonnenschliff auf den Aufzugsrädern oder die handgravierten Unruhkloben, die jeder Uhr eine einzigartige, unverkennbare Signatur verleihen. Diese unsichtbare Perfektion ist der stille Dialog des Meisters mit seinem Werk.
Das Finish eines Uhrwerks: Warum die Dekoration von Teilen, die niemand sieht, so wichtig ist
Warum investieren Manufakturen einen so enormen Aufwand in die Veredelung von Komponenten, die nach der Montage im Inneren des Uhrwerks verschwinden und für immer unsichtbar bleiben? Die Antwort liegt in der Philosophie der kompromisslosen Perfektion. Es geht nicht darum, was der Kunde sieht, sondern darum, ein in jeder Hinsicht vollkommenes Objekt zu erschaffen. Jedes einzelne Bauteil, egal wie klein oder verborgen, wird mit dem gleichen Maß an Respekt und Sorgfalt behandelt. Diese Haltung ist der ultimative Beweis für die Integrität einer Manufaktur und die Ehrfurcht vor der eigenen Tradition.
Polierte Schraubenköpfe, anglierte Kanten an Hebeln, die nur bei einer vollständigen Demontage sichtbar werden, oder Perlagen auf der Unterseite der Hauptplatine – all dies hat keine direkte funktionale Auswirkung auf die Ganggenauigkeit. Doch es ist ein Versprechen. Ein Versprechen, dass keine Abkürzungen genommen wurden. Diese unsichtbare Schönheit ist eine Signatur des Meisters, ein Zeichen dafür, dass die Qualität nicht an der Oberfläche endet. Der Zeitaufwand hierfür ist immens. Es ist bekannt, dass bei A. Lange & Söhne Meister-Graveure bis zu 6 Wochen allein für die Dekoration und Montage eines einzigen Tourbillon-Käfigs investieren.
Für den Sammler und Kenner sind genau diese unsichtbaren Details die wahren Indikatoren für den Wert und die Qualität einer Uhr. Sie verraten mehr über die Philosophie des Herstellers als jede Hochglanzbroschüre. Die Fähigkeit, diese Details zu erkennen und zu würdigen, trennt den Liebhaber vom reinen Konsumenten. Es ist die Suche nach der verborgenen Seele der Uhr.
Checkliste für Sammler: Wertbestimmung anhand unsichtbarer Finissierung
- Schraubenköpfe prüfen: Sind die Köpfe spiegelpoliert und die Schlitze ebenfalls angliert und sauber ausgerichtet?
- Kanten analysieren: Zeigen auch die Kanten von verborgenen Hebeln und Federn eine durchgehende, polierte Anglierung ohne Unterbrechungen?
- Perlage begutachten: Ist die Perlage (Zierschliff) gleichmäßig, überlappend und auch auf Flächen zu finden, die von anderen Teilen verdeckt werden?
- Versteckte Flächen suchen: Weisen die Unterseiten von Platinen oder Brücken ebenfalls einen Zierschliff (z.B. Sonnenschliff) auf?
- Gravuren unterscheiden: Sind Gravuren, insbesondere auf dem Unruhkloben, von Hand ausgeführt und zeigen sie die feinen, charakteristischen Unregelmäßigkeiten echter Handarbeit?
Die letzte Instanz ist die Hand: Warum keine Maschine die Präzision eines Meisters ersetzen kann
Im Zeitalter von CNC-Fräsen und computergesteuerter Fertigung, die Bauteile mit Toleranzen im Mikrometerbereich herstellen können, könnte man meinen, die menschliche Hand sei obsolet geworden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Während Maschinen die Vorarbeit leisten und eine nie dagewesene Konsistenz in der Teileproduktion ermöglichen, bleibt die entscheidende Phase – die Montage, die Finissierung und die finale Regulierung – eine Domäne des menschlichen Fingerspitzengefühls. Keine Maschine besitzt die Fähigkeit, die minimale Reibung eines perfekt sitzenden Zapfens zu „fühlen“ oder das subtile Feedback einer sich schließenden Pinzette zu interpretieren.

Diese meisterliche Fähigkeit ist das Ergebnis jahrelanger, ja jahrzehntelanger Übung. In Deutschland ist der Weg zur Meisterschaft lang und anspruchsvoll. So dauert der Weg zum deutschen Uhrmachermeister mindestens 7 Jahre, bestehend aus Lehre und anschließender Praxis und Meisterschule. In dieser Zeit entwickelt der Uhrmacher eine haptische Intelligenz, die kein Algorithmus ersetzen kann. Er lernt, den Klang eines Uhrwerks zu deuten, Vibrationen zu spüren und mit Druck im Bereich von hundertstel Newton umzugehen.
Bei der Endmontage eines Tourbillons kann keine Maschine das Fingerspitzengefühl eines Meisters ersetzen – ein Hauch zu viel Druck und Monate der Arbeit sind zerstört.
– Dirk Dornblüth, Unabhängiger Uhrmachermeister aus Sachsen
Die perfekte Symbiose aus moderner Technologie und traditioneller Handwerkskunst ist der Schlüssel zur heutigen Spitzenuhrmacherei. Die Maschine liefert die perfekte Leinwand, doch erst die Hand des Meisters malt das eigentliche Kunstwerk. Sie ist die letzte Instanz, die einer Ansammlung von Metallteilen eine mechanische Seele einhaucht.
Das Wichtigste in Kürze
- Der wahre Wert einer Luxusuhr liegt nicht im Material, sondern in der unsichtbaren Handwerkskunst und der Philosophie der Manufaktur.
- Deutsche Uhrmacherkunst zeichnet sich durch spezifische Merkmale wie die Dreiviertelplatine, strenge Prüfnormen (DIN) und eine Kultur der robusten Ingenieursleistung aus.
- Die bewusste Interaktion (z.B. Handaufzug) und die Wertschätzung für unsichtbare Veredelungen schaffen eine tiefere, persönliche Beziehung zum Zeitmesser.
Einen Einblick in die heiligen Hallen der Uhrenmanufakturen bekommen und den Unterschied zwischen einer „Manufaktur“ und einem einfachen „Hersteller“ verstehen
Nachdem wir die Seele der Uhrmacherkunst in ihren vielen Facetten erkundet haben, stellt sich die praktische Frage für den Liebhaber: Wie erkenne ich diese Qualität? Der Schlüssel liegt im Verständnis des fundamentalen Unterschieds zwischen einem „Hersteller“ und einer echten „Manufaktur“. Der Begriff ist leider nicht gesetzlich geschützt, was zu einiger Verwirrung führen kann. Ein Hersteller (oder „Etablisseur“) kauft fertige Uhrwerke (sogenannte Kaliber) von großen Zulieferern wie ETA oder Sellita, modifiziert sie vielleicht leicht und baut sie in seine eigenen Gehäuse ein. Dies ist ein legitimes Geschäftsmodell, hat aber wenig mit der hier beschriebenen Handwerkskunst zu tun.
Eine echte Manufaktur hingegen zeichnet sich durch eine hohe Fertigungstiefe aus. Sie entwickelt, konstruiert und produziert mindestens ein eigenes Kaliber vollständig im eigenen Haus. Dies erfordert enorme Investitionen in Forschung, Entwicklung und spezialisierte Maschinen, vor allem aber in das menschliche Kapital – in hochqualifizierte Uhrmacher und Konstrukteure. Nur so kann eine Manufaktur ihre eigene technische und ästhetische Philosophie konsequent umsetzen, von der ersten Schraube bis zur finalen Regulierung.
Der Begriff ‚Manufaktur‘ ist nicht geschützt – erst wenn mindestens ein eigenes Kaliber komplett selbst entwickelt und gefertigt wird, sprechen wir von einer echten Manufaktur.
– Gerd-Rüdiger Lang, Gründer von Chronoswiss und Lang & Heyne
Diese Fertigungstiefe hat ihren Preis, nicht nur in der Anschaffung, sondern auch im Service, da Ersatzteile nicht standardisiert sind, sondern individuell gefertigt werden müssen. Der folgende Überblick zeigt beispielhaft die unterschiedlichen Strategien einiger bekannter deutscher Marken.
| Marke | Status | Fertigungstiefe | Servicekosten |
|---|---|---|---|
| A. Lange & Söhne | 100% Manufaktur | Eigene Werke komplett | Sehr hoch (2000-5000€) |
| Nomos Glashütte | Manufaktur | 10 eigene Kaliber | Mittel (600-1200€) |
| Mühle Glashütte | Veredler | ETA-Basis stark modifiziert | Moderat (400-800€) |
| Junghans | Mischstrategie | Teils eigen, teils zugekauft | Niedrig (300-600€) |
Für den wahren Liebhaber ist die Wahl einer Uhr von einer echten Manufaktur daher mehr als ein Kauf. Es ist ein Investment in eine Tradition, eine Anerkennung für die menschliche Leistung und der Beginn einer lebenslangen Beziehung zu einem Objekt mit einer Seele. Wenn Sie das nächste Mal eine Uhr betrachten, fragen Sie nicht nur nach dem Preis, sondern nach ihrer Geschichte, ihrem Herzen, ihrem Kaliber.